Rezensionen zum Roman "E. oder Die Insel"

 

"Die immense Kunstfertigkeit, auch der Wagemut von diesem Roman liegt darin, nicht einfach ein Monster zu portraitieren, das sich leichthin verdammen und abtun lässt. [...] Dieser große Roman verunmöglicht Trivialität, Unbefangenheit und Ignoranz, indem er die Lektüre als notwendige letzte Etappe einer Sinn- und Urteilsbildung einfordert. [...] 1995 erschien Marcel Beyers Roman „Flughunde“, 2006 Jonathan Littells „Die Wohlgesinnten“ – mit „E. oder die Insel“ reiht sich Francis Nenik eindrücklich ein in diese Literatur, die Schuld und Täterschaft samt ihrer Rhetorik nicht bloß als historische Tatsachen erachtet, sondern sie als ambivalentes Phänomen in die Gegenwart hievt, als Problem, Aufgabe und Mahnung."

 

Samuel Hamen im Deutschlandfunk am 17. Mai 2021

zum Nachlesen oder Nachhören

 

"'E. oder die Insel' ist brilliant konstruiert. [...] Bereits in den Vorgängerwerken zeigte sich Nenik als Sprachvirtuose und hellsichtiger Chronist einer bis in die Gegenwart nachwirkenden Vergangenheit. [...]  Nenik hat offensichtlich nicht nur genau recherchiert, er versteht es auch, die Sprache des Dritten Reiches genau so einzusetzen, wie sie intendiert war: als Instrument der Beschönigung, Verschleierung und Verwirrung. [...] Der Text blickt nicht nur in eines der düstersten Kapitel der Biopolitik, er legt sich einem wie eine Schlinge um den Hals und zieht sich von Seite zu Seite fester zu."

 

Anja Kümmel in Zeit-Online vom 21.07.2021

 

"E. oder die Insel ist ein Roman, der sich behutsam entblättert, der uns einnimmt, eine Perspektive entwickelt und uns mit dem Protagonisten vor die Scherben seines Handelns führt. [...] Die Sprache Francis Neniks ist hochkonzentriert und lyrisch – zu Recht erhält der Autor den diesjährigen Anna-Seghers-Preis für dieses Buch – das Beste des deutschsprachigen Raums, was mir 2021 in die Finger geriet!"

Anne Hahn auf piqd.Literatenfunk vom 04.07.2021

 

""Neniks literarisches Verfahren zeigt sich nach wenigen Sätzen: Er schlägt seine Funken aus der Kombination von detektivischer, geradezu versessener Archiv- und Lesearbeit mit einer unstillbaren artistischen Lust an der Sprache. [...] Die allmähliche Kenntlichwerdung seines Protagnonisten setzt Nenik, auch sprachlich, ausgesprochen raffiniert in Szene. [...]

Francis Nenik seziert in einem kunstvoll, stellenweise schwer erträglichen O-Ton-Roman die Denkmuster und Verdrängungsmechanismen eines Täters."

Nils Kahlefendt in der FAZ vom 07.07.2021

 

 

"Francis Nenik hat sich schon mehrfach mit den Verklammerungen von deutscher Geschichte und deutschen Biografien beschäftigt. In seinem neuen Roman 'E. oder die Insel' erzählt er die Geschichte eines Arztes, der sich in den letzten Kriegstagen auf einer Insel in der Nähe einer sächsischen Kleinstadt versteckt hält. Was wie der Bericht eines Widerständlers anhebt, entwickelt sich bald schon in eine gänzlich andere Richtung. [...] Francis Nenik hat mit diesem Stoff und dieser Fülle an eingebrachtem Wissen literarisch durchaus etwas riskiert. Es hat sich gelohnt, denn der Roman berührt und trägt von der ersten bis zur letzten Seite. Wer sich darauf einlässt, wird dieses Buch, 'E. oder die Insel' sobald nicht wieder aus dem Kopf bekommen."

Jörg Schieke auf MDR Kultur vom 10.08.2021

 

"Der Roman ist gut. Ziemlich gut sogar. Meiner Meinung nach sogar so gut, dass ich es als Schande empfinde, dass der Roman nicht auf irgendeiner Long-, Short- oder Mediumlist des Deutschen Buchpreises aufgetaucht ist. Der Roman besticht nicht nur (aber auch!) durch die Themen, die er bespricht und aufarbeitet [...] und der offensichtlichen Tiefe, der zugrunde liegenden Recherchen. Er besticht ebenfalls durch die Präsentationsweise seiner Geschichte: Das Tagebuch eines unzuverlässigen Erzählers eignet sich perfekt, um den langsamen Abstieg in Wahn und moralische Abgründe zu präsentieren. Dabei stellt Nenik eine hohe sprachliche Fertigkeit zur Schau."

 

Caro Kaiser auf literaturundfeuilleton vom 09.11.2021

  

"Der Roman führt geschickt in die empathisch zugewandte Identifikation mit seinem Protagonisten, um sie dann mit einer allmählich klarer werdenden Realität zu schockieren. Nenik zwingt seine Leser*innen in die Täterperspektive, wie man dies z.B. bei 'Die Wohlgesinnten' von J. Littell las. Packend und verstörend. Empfohlen."

 

Regine Mitternacht im ekz Bibliotheksservice, Ausgabe 2021/29

 

"Die Form ist ungewöhnlich, auch der Ort, an dem der Ich-Erzähler seine Geschichte rekapituliert: eine Insel in der Mulde, in Sichtweise des Pfarrhauses, in dem er kurz zuvor erst mit seiner Familie eine Notunterkunft bekam. Es sind die letzten Tage des Krieges und nach und nach tauchen wir als Leser ein in die Selbstrechtfertigung eines Mannes, der sich durchaus bewusst ist, dass er Schuld auf sich geladen hat. Aber ganz so einfach macht es Francis Nenik auch in seinem neuesten Roman nicht. Dazu ist er ein zum aufmerksamer Beobachter dessen, was Menschen so treiben, wie sie sich selbst täuschen, andere betrügen, sich Scheinwelten und Argumente aufbauen, um irgendwie am Ende doch noch für sich das Gefühl zu haben, auf der (moralisch) richtigen Seite zu stehen."

Ralf Julke, Leipziger Zeitung vom 05. Juni 2021

 

"... in seinem klug gebauten und exzellent recherchierten Roman [...] entfaltet sich zwischen den fragmentierten Notizen dieses Geständnisses ein schreckliches Kriegspanorama."

Linn Penelope Micklitz, in: Kreuzer Leipzig vom 21.07.2021

 

"Francis Nenik gehört zu den vielseitigen Schriftstellern in Deutschland, die einen fundiert recherchierten Hintergrund in sprachlich ausgefeilten Texten verarbeiten. [...] Francis Neniks geschichtliche Auseinandersetzung mit einem teilweise vergessenen Unrecht ist keine leichte Kost. Sie packt, erschreckt, erinnert und schenkt Einblicke, die auch heute noch gebraucht werden."

Sabine Bovenkerk-Müller auf dem Schreiblust-Leselust-Blog vom 01.07.2021

 

" ... der Leser muss bisweilen heftig schlucken angesichts der passagenweise meisterlich ins Gefühlvolle, Fürsorgliche, selbst Tröstliche mündenden, perfide zurechtoperierten Wahnkonstrukte. [...] Das ist eines der Verdienste dieses Buches: Es stellt sich der finsteren Geschichte, die in diesem Fall einmal nicht von Siegern geschrieben wurde – aber wie immer mit der Durchsetzungskraft der herrschenden Lehre und über die Köpfe der Beherrschten hinweg."

 

Anke Wittkopp in Stadtkind. Das Stadtmagazin für Hannover, Heft 08/2021