Und nun ist die Macht an sich böse, gleichviel wer sie ausübe.

Sie ist kein Beharren, sondern eine Gier und eo ipso unerfüllbar,

daher in sich unglücklich und muß also andere unglücklich machen."

 

Jacob Burckhardt, Weltgeschichtliche Betrachtungen, 1905

 

 

Tagebuch eines Hilflosen

 

01-12-2020

Vier Wochen nach der Stimmabgabe ist Trump noch immer verstimmt. Da er auch machtpolitisch angezählt ist, beantragt er eine Neuauszählung nach der anderen. Er glaubt noch immer, dass die Punktrichter in den Battlegrounds im Eifer des Gefechts links und rechts verwechselt haben. Trump ist allerdings nicht der erste, der die Zettel neu auszählen lässt. Er schreit nur besonders laut Betrug, während die Auszählung noch läuft. Wahrscheinlich weiß er, dass das ganze Gezähle nichts bringt.

 

Zumindest legen die bisherigen Daten diesen Schluss nahe. Das Statistikportal FiveThirtyEight (das mit den vielen Nates), hat vor ein paar Jahren naterweise mal ein bisschen in der Wahlhistorie gewühlt und dabei herausgefunden, dass von 4.687 Wahlen, die zwischen 2000 und 2015 landesweit abgehalten wurden, gerade mal 27 eine Neuauszählung verlangten und lediglich bei drei von ihnen am Ende ein anderer Sieger rauskam. Dabei handelt es sich um die Gouverneurswahl in Washington 2004, um die Wahl zum Rechnungsprüfer in Vermont 2006 und um die Wahl zum US-Senat in Minnesota anno 2008.

 

Ich habe mir die Daten gerade mal im Detail angeschaut, und das Interessante ist: Bei allen drei Wahlen lagen nach der ersten Auszählung die republikanischen Kandidaten vorn. Durch die Neuauszählung gingen sie ihres knappen Vorsprungs aber jedes Mal verlustig, und am Ende gewannen immer die Demokraten.

 

Historisch betrachtet hat das Pendel also nicht gerade in Richtung der Republikaner ausgeschlagen. Aber die Geschichte ist Trump natürlich egal. Wobei... vielleicht hat ihm einer seiner Berater von jenem denkwürdigen Rennen um den Senatsposten erzählt, das sich 1974 in New Hampshire zugetragen hat. Damals war der Republikaner Louis Wyman gegen den Demokrat John Durkin angetreten und hatte ihn mit zwei Stimmen Vorsprung geschlagen. 110.926 zu 110.924 lautet das Ergebnis. Durkin verlangt daraufhin eine Neuauszählung, die ihm schlussendlich zehn Stimmen Vorsprung einbrachte - und eine Urkunde, die ihm einstweilig zum Sieger erklärte. Was natürlich gar nicht im Sinne von Wyman war, der sofort vor Gericht zog und am Ende der juristischen Scharmützel wieder mit seinen zwei Stimmen Vorsprung dastand, woraufhin Durkin die Urkunde wieder entzogen und eine neue ausgestellt wurde, diesmal mit Wymans Name drauf.

 

Allerdings war die Sache damit noch nicht vorbei, denn Durkin legte erneut Widerspruch ein, diesmal allerdings auf der politischen Ebene. Der demokratisch dominierte Senat, in dem der Republikaner Wyman inzwischen seit ein paar Tagen saß, versuchte das Problem im Januar 1975 mit Hilfe eines Komitees zu lösen. Das Komitee lud Wyman und Durkin ein, setzte sie an die gegenüberliegenden Stirnseiten eines langen Tisches, und gemeinsam diskutierten sie die Sache. Und diskutierten. Und diskutierten. Und wurden sich einfach nicht einig. Die Demokraten versuchten Durkin daraufhin durch eine Abstimmung in den Senat zu wählen, scheiterten aber, weil die Republikaner die Wahl mit endlosen Reden so lange verzögerten, bis sie nicht mehr durchführbar war. So ging das bis in den Juli. Genervt von der ganzen Angelegenheit und in Sorge, dass es nach der Sommerpause so weitergehen würde, verfasste die "Washington Post" einen Meinungsartikel und legte den beiden Kandidaten nahe, die Sache irgendwie unter sich auszumachen. Wyman schrieb Durkin daraufhin einen Brief, in dem er für eine Neuwahl plädierte. Durkin lehnte zunächst ab, sagte dann aber zu - und der Kampf um die Stimmen begann von Neuem.

 

Durch die außergewöhnliche Situation war die mediale Aufmerksamkeit gewaltig, die Wahlbeteiligung erreichte Rekordwerte - und am Ende gewann Durkin mit 27.000 Stimmen Vorsprung vor Wyman. Will sagen: Die Demokraten haben sich auch in diesem Fall durchgesetzt. Beim Blick in den Rückspiegel ist für Trump also nicht viel zu holen. Aber vielleicht schaut er ja gar nicht in den großen Rückspiegel namens Geschichte, sondern in den kleinen im Auto. Da steht nämlich: "Objekte im Spiegel sind näher als sie erscheinen." Vielleicht, so mag Trump denken, gilt das ja auch für Joe Biden, vielleicht ist dessen Stimmzahl ja näher an meiner als es aktuell aussieht. Dann würde sich das Nachzählen lohnen. Oder wir probieren's nochmal mit 'ner Neuwahl. Dann könnte ich auch gleich noch das republikanische Trauma von den Nachzählungs-Niederlagen beenden und mein Sieg würde noch größer erscheinen.

 

Das alles mag Trump durch den Kopf gehen. Aber sehr wahrscheinlich ist es nicht. Wahrscheinlich will es seine Niederlage einfach nicht wahrhaben. Und kann es auch nicht. Weil er bisher immer darauf zählen konnte, dass irgendjemand kam und ihm den Arsch gerettet hat, wenn er dabei war, zu verlieren. Und das ist der wahre Betrug. Der einzige, bei dem Schreien angebracht ist. Aber darüber schweigt Trump lieber. Verständlich. Denn dieser Betrug betrifft nicht das Wahlergebnis, sondern sein Leben. Sein ganzes.